MEINE ERSTE SCHALLPLATTE
Die blaue Kraftwerk - Autobahn Doppel-LP von Philips. Klar habe ich die heute noch. Mit Autobahn hat zwar alles angefangen. Doch danach folgte erst mal eine lange Pause. Mit stöpseligen 10 Jahren gab es zur damaligen Zeit nicht die Möglichkeiten, elektronische Musik zu finden, geschweige denn zu kaufen.

ELEKTRONISCHE MUSIK BEI DER BUNDESWEHR
Die nächste Begegnung mit elektronischer Musik war auf einer Bundeswehr-Werbeveranstaltung. Zu einem Videofilm über die Bundeswehr kam der Ton über Kopfhörer. Ich war futsch und weg, was für tolle Musik man bei der Bundeswehr macht :-) Ich weiß nicht mehr, ob ich daraufhin etwas unternommen habe, aber da hätte ich fragen können, wen ich will. Woher sollte jemand wissen, welche Musik das in dem Werbefilm war.
Doch ich hatte Glück: Noch im gleichen Sommer hörte ich die Musik wieder. In meinem eigenen Zimmer! Durch die Wand vom Nachbarn. Fenster aufgerissen, rübergerufen und mir den Titel sagen lassen. Sepp hing sowieso am Fenster während er Musik hörte, rauchte oder mit dem Luftgewehr in unseren Kirschbaum ballerte. Es war eine Qual für mich, Oxygene und Jean Michel Jarre zu schreiben. So was kompliziertes... ohne Buchstabieren ging da gar nichts :-) So kam ich zu meiner ersten selbst gekauften Schallplatte. Die ich dann zig-mal am Tag auf dem Plattenspieler meines Vaters anhören konnte.

SEPPS PLATTENSAMMLUNG
Sepp war viel älter als ich und hatte neben ein paar Schallplatten eine Sammlung von Musik-Kassetten. Darunter war auch elektronische Musik. Seine Lieblingsband war Pink Floyd. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis auch mich das Pink Floyd Fieber packte. Er lieh mir eine Musik-Kassette mit Ricochet von Tangerine Dream. Wahnsinn mit ca. 13 Jahren.
Danach hörte ich mich durch Manuel Göttsching - Inventions For Electric Guitar, Pink Floyd - The Dark Side Of The Moon und Michael Rother - Sterntaler. Neben kommerziellerem Kram hatte er gar nicht viel mehr als diese Titel. Aber das reichte. Schnell war mir Gesang in der Musik grundsätzlich zuwider. Der roboterhafte Sprechgesang von Kraftwerk war da eine der wenigen Ausnahmen und Pink Floyd hat mir außerdem wegen der Rockelemente noch nicht zugesagt. Doch seit dieser Zeit hat sich mein musikalischer Horizont nur erweitert. Musik, die ich in den 70ern aufregend fand, finde ich heute noch toll wenn nicht sogar besser, wie beispielsweise Klaus Schulzes - Picture Music. Es wurde nie mehr etwas ausgegrenzt. Wollen wir von Ausrutschern mit der Neuen Deutschen Welle mal absehen. Manche Sachen aus den 80ern sind längst aus meiner Sammlung verschwunden: z.B. Tangerine Dream - Tyger.

PLATTENLÄDEN
In Wasserburg gab es damals - Mitte bis Ende der 70er - einen kleinen Schallplattenladen, die Plattenecke. Dort tauschte ich mein Taschengeld gegen Schallplatten. Unglaublich, wieviel Zeit man für die Entscheidung für diese oder jene Platte aufbringen kann. Und toll, welche Geduld man mit mir hatte. Ganze Nachmittage verbrachte ich mit dem Anhören der Schallplatten von Klaus Schulze, Vangelis, Tangerine Dream usw. Die neue von Jean Michel Jarre, Equinoxe, kaufte ich natürlich sofort. Mit seinem Sound konnte ich förmlich meine Ohren putzen. Ich war bereits mit 14 Jahren ein Klaus Schulze Fan!
Als es finanziell etwas bergauf ging, bin ich ab und zu nach München gefahren, um dort nach exotischeren Platten zu suchen: Stachus-Musik, Disco-Center, Montanus... Außerdem gab es dann ganz neu den WOM mit vielen Angeboten. Aus dieser Zeit habe ich viele tolle Platten.

AUSDEHNUNG
In jungen Jahren war ich natürlich mehr für populäre Sounds zu haben. Das wollen wir mit ein paar Namen mal unterlegen: Space, Mike Oldfield, Kraftwerk, Novalis, Vangelis, Tomita, Jean Michel Jarre, Michael Rother, Tangerine Dream... Zum einen zogen mich die 80er Jahre noch mehr in die populäre Richtung - aus heutiger Sicht wirkt manches kitschig und billig, gefördert durch die rasante technische und preisliche Entwicklung der Synthesizer. Zum anderen öffneten sich meine Ohren neuen Klängen, die ich bis dahin nicht kannte. Auch hier wieder ein paar Namen: Brian Eno, Harold Budd, Deuter, Claude Larson, Synergy, Micheal Stearns... Hier haben die wunderschönen Sendungen Harmonie der Sphären von Ricci Hohlt eine wesentliche Rolle gespielt.

BEBOP DIE OFFENBAHRUNG
Einige Jahre später, am 7. Mai 1987, begann für mich mit einem neuen kleinen Second-Hand Schallplattenladen in Rosenheim in vielerlei Hinsicht eine neue Zeitrechnung. Der sensationelle Schallplattenladen » Bebop existiert heute noch. Deren Besitzer haben mir die Ohren geöffnet. Anfänglich gab es "nur" Schallplatten und eine Hand voll gebrauchter CDs. Doch rasch wuchs das Angebot und in vielen Gesprächen wurden mir immer wieder musikalische Tipps und Hinweise gegeben. Anfängliches Zögern schlug fast immer in Begeisterung um. Wenn ich ein paar Namen nenne, wird dem Insider klar, welch bedeutender Schritt das war: The Residents, Suicide, Conrad Schnitzler, Werkbund, Throbbing Gristle, SPK, Faust...

DIE 90ER JAHRE
Musikalisch unglaublich innovativ. Damit meine ich nicht unbedingt den Techno. Neue Genres schossen wie Pilze aus dem Boden. Hier ein paar unbewertete Beispiele: Chill-Out, Drones, Trance und Drum'n'Bass. Der Sampler führte zum respektlosen Umgang mit der Musik aller Stilrichtungen. Hier konnte ich aus dem Vollen schöpfen. Bevorzugte Namen wie Atom Heart mit seinem sagenhaften Label Rather Interesting oder das FAX Label haben einen qualitativen und zugleich quantitativen Output, der seinesgleichen sucht. Neue Namen in Hülle und Fülle: Bill Lasswell, Terre Thaemlitz, Autechre, Oval, Mouse on Mars, Aphex Twin, Spyra, Bernd Friedmann, u-zig, Biosphere und und und...

ÄLTER WERDEN
Die aktuellste Entwicklung begann ganz langsam Ende des letzten Jahrtausends mit Namen wie z.B. The Spotnicks, Caterina Valente (englische Titel) und Bert Kämpfert. Ein Verstärker in diese Richtung war sicher auch Raymond Scotts Pseudo-Jazz. Inzwischen bin ich ein Fan von locker flockigem Samba und Bossa Nova. Parallel zu Walter Wanderleys Hammond-Orgel tauchten auch Oldies aus den 50er & 60er Jahren auf, z.B. Soeur Sourire - Die singende Nonne mit dem One Hit Wonder Dominique. Insbesondere die nicht nur akustisch beeindruckenden Orchesteraufnahmen - allen voran Bert Kämpfert und sein Orchester.

DEFINITION GUTER MUSIK
Negative Empfindungen sind eben auch Empfindungen. Wenn das Zuhören schmerzt, wenn es in Folter übergeht, ist das auch ein Gefühl. Musik als Träger zur Steigerung der inneren Unzufriedenheit, als Verstärker des Negativen - hat ebenso seine Berechtigung. Wenn es nur nervt, weder positiv noch negativ auflädt, einfach nur dudelt, nicht packt, den Hörer nicht in seinen Bann zieht, nicht abholt, dann taugt die Musik zu nichts. Kurz: Ich höre gerne Musik, die es schafft, mich in ihre Stimmung hineinzusaugen. Die Musik ist umso besser, je sicherer ihr das unabhängig von meiner Verfassung gelingt.

SCHLECHTE MUSIK
Seit einigen Jahren ärgere ich mich über die Flut von schlechter Musik, gerade aus dem riesigen Bereich der elektronischen Musik und all der vielen Genres, die vereinfachender Weise in diese Schublade gesteckt werden. Preiswerte Computer, Softwaresequenzer und Synthesizer machen es jedermann möglich Musik zu machen. Das finde ich ja prima, aber muss man alles veröffentlichen? Aktuelle elektronische Musiktitel ließen sich beliebig zwischen den CDs verschiedener Interpreten tauschen, ohne dass ich das als Hörer merken würde. Es hört sich vieles so gleich, so beliebig an. Kein Wunder, es sind ja überwiegend die gleichen Programme, die zum Einsatz kommen.
Synthesizer kosteten früher ein Vermögen. Die hat sich nur gekauft, wer ernsthaftes Interesse hatte und die nötige Zeit dafür aufbrachte, als Musiker Erfolg zu haben. Vielen jungen Musikern fehlt das Hintergrundwissen darüber, was es alles schon gab. Die Leute vor 10, 20, 30 Jahren oder noch weiter zurück hatten auch tolle Ideen. Und eingeschränkte Technik kann ein riesiger Vorteil sein. Da kann ich mich auf das konzentrieren, was da ist und verliere mich nicht in unendlichen Möglichkeiten. Gut, das fehlende Wissen gibt Freiraum und lässt eine eigenständige Herangehensweise ans Thema zu. Aber es führt ebenso dazu, dass Musiken veröffentlicht werden, die es schon längst besser gab.
Anmelden | Bedienungshinweise | Rechtshinweise | © 2007 Markus Huber